Dr. Peter von Wartenberg
Leading My Business

· 5 Min. Lesezeit

Der moralfreie Raum – warum gute Entscheidungen manchmal erst ohne Moral beginnen

Moral

Wir diskutieren gerade wieder sehr moralisch. In der Politik, in den Medien, in Meetings. Und ehrlich gesagt: Wir Deutsche sind darin ziemlich gut. Wir wissen schnell, was richtig und was falsch ist – und wir sagen es auch gern.

Ich merke das gerade besonders bei Verhandlungen. Die Welt verhandelt zunehmend interessengeleitet und nicht mehr entlang von Regeln, die alle für gültig halten. Wer da nur mit dem moralischen Kompass in der Hand am Tisch sitzt, hat oft schon verloren, bevor es losgeht. (Dazu – Harvard-Konzept und/oder Schranner-Konzept – schreibe ich demnächst einen eigenen Post.)

Heute geht es mir um etwas Grundlegenderes: 
Wie triffst Du schwierige Entscheidungen, wenn die Moral schon mitredet, bevor Du überhaupt nachgedacht hast?

Ein Tipp, den ich erst nicht wollte

Mein langjähriger Coach Dr. Gerhard Kettgen hat mich bei schwierigen Entscheidungen immer wieder auf den sogenannten moralfreien Raum hingewiesen. Am Anfang war ich skeptisch. Ich wollte nicht unmoralisch sein – und „moralfrei“ klang verdächtig danach.

Mit der Zeit und vor allem mit Übung ist daraus einer der wertvollsten Tipps geworden, die ich je bekommen habe.

Was der moralfreie Raum ist – und was nicht

Zuerst das Wichtigste: Der moralfreie Raum ist kein Freibrief. Er öffnet nicht die Grenze zum Unmoralischen. Bereicherung Einzelner, Tricksereien, Dinge wie in der Finanzkrise – das hat mit dem moralfreien Raum nichts zu tun. Da geht es um Ethik, und da gibt es klare Grenzen.

Worum es geht: Der moralfreie Raum versachlicht. Er trennt Fakten von ihrer Bewertung. Für einen Moment verzichtest Du bewusst auf moralische Urteile – und plötzlich sind deutlich mehr Lösungsideen denkbar.

Er befreit Dich von dem, was Gerhard Alltagsmoral nennt: diese inneren Zwänge wie „das macht man nicht“, „das gehört sich nicht“, „was sollen die anderen denken“. Sie verengen den Blick, blockieren Leistung und führen am Ende oft in Überlastung oder Überforderung.

Und: Der moralfreie Raum löst innere Widersprüche auf. Wer sie auflöst, kann sich klar und stark positionieren.

Moralfreier Raum

Das Modell auf einem Flipchart

So hat Gerhard es mir aufgemalt (siehe Grafik):

  1. 1Oben steht „moralisch“.
  2. 2Unten steht als Gegenpol „unmoralisch“.
  3. 3Willst Du gedanklich von oben nach unten, fühlst Du Dich sofort unmoralisch. Die Barriere geht zu – bevor Du überhaupt gedacht hast.
  4. 4Jetzt der Trick: Unter „moralisch“ ziehst Du eine Linie und nennst sie „nicht moralisch“.
  5. 5Über „unmoralisch“ ziehst Du eine zweite Linie: „nicht unmoralisch“.
  6. 6Dazwischen liegt der moralfreie Raum.
  7. 7Hier darfst Du denken, fühlen, Ideen entwickeln – ohne gedankliche Barrieren.
  8. 8Einige dieser Ideen sind moralisch gut vertretbar. Und die führen zum Handeln – mit Deinen Werten.

Der Kern steckt in der richtigen Polarität. Das Gegenteil von „moralisch“ ist nicht „unmoralisch“, sondern „nicht moralisch“. Und das Gegenteil von „unmoralisch“ ist „nicht unmoralisch“. Zwischen diesen beiden Linien liegt ein Raum, den unsere Alltagsmoral gern unterschlägt – und genau dort liegen oft die besten Lösungen.

"Werte" am Ausgang, nicht am Eingang

Für mich ist das der eigentliche Aha-Moment: Die Werte kommen nicht weg. Sie wandern nur an eine andere Stelle. Statt am Eingang jede Idee abzuwürgen, stehen sie am Ausgang – als Filter, bevor Du handelst.

Gerhard und ich halten sehr viel von einer stabilen ethischen Grundlage für Führungskräfte: Wertschätzung und Respekt, Anerkennung und Kritik, Menschlichkeit und Liebe. Gerade weil diese Grundlage stabil ist, kannst Du es Dir leisten, vorher frei zu denken.

Ein Beispiel aus dem Führungsalltag

Stell Dir vor: Ein Teammitglied ist fachlich stark, belastet aber seit Monaten das ganze Team. Die Alltagsmoral meldet sich sofort: „Man lässt niemanden fallen.“ – „Er hat so viel geleistet.“ – „Wer bin ich, das zu beurteilen?“

Im moralfreien Raum sortierst Du erst einmal: Was sind die Fakten? Was fühlst Du dabei? Welche Optionen gibt es – alle, auch die unbequemen? Ein offenes Gespräch, eine neue Rolle, klare Konsequenzen, eine Trennung.

Erst dann legst Du Deine Werte an. Und vielleicht landest Du bei einem sehr klaren, sehr ehrlichen Gespräch mit echten Konsequenzen – respektvoll, aber ohne Ausweichen. Eine Lösung, die Du Dir vorher vielleicht gar nicht erlaubt hättest.

So probierst Du es aus

  1. 1Benenne die Entscheidung – und die moralischen Stimmen, die sich sofort melden.
  2. 2Zieh bewusst die zwei Linien. Sag Dir: „Ich denke jetzt nur. Ich entscheide noch nicht.“
  3. 3Sammle Optionen – auch die, die sich erst einmal falsch anfühlen. Lass Gefühle zu, ohne sie zu bewerten.
  4. 4Leg Deine Werte als Filter an. Welche Optionen kannst Du mit Wertschätzung, Respekt und Menschlichkeit vertreten?
  5. 5Handle – und steh dazu. Eigene Interessen dürfen dabei durchaus eine Rolle spielen. Die Lösung soll aber zu Deinen ethischen Werten passen.

Zum Schluss

Der moralfreie Raum ist kein Ort ohne Werte. Er ist ein Ort vor den Werten. Ein Raum, in dem Du erst klar siehst – und dann bewusst entscheidest.

Wie gehst Du mit schwierigen Entscheidungen um? Meldet sich Deine Moral auch manchmal zu früh? Ich freue mich über den Austausch bei LinkedIn (externer Link, öffnet in neuem Tab).

Zusatz: Vor- und Nachteile

Der Ansatz bringt vor allem mehr Optionen und weniger innere Blockade; sein größtes Risiko ist der Begriff "Moralfrei" selbst und ein übersprungener Werte-Filter.

Moralfrei: Vor- und Nachteile

Dr. Peter von Wartenberg (10.26)
In Anlehnung an Dr. Gerhard Kettgen.

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